Verein der Freunde der Nationalgalerie Stiftung des Vereins der Freunde der Nationalgalerie für zeitgenössische Kunst

#31 Sturtevant
Beuys La Rivulozione siamo noi, 1988/92

Farbiger Offsetdruck, 95,2 x 51 cm, Auflage: 60

Elaine Sturtevant
Geboren 1930 in Lakewood (Ohio, USA)
Lebt und arbeitet in Paris

Andy Warhols "Flowers" und "Marilyns", Marcel Duchamps "Mona Lisa", Jasper Johns legendäre Flaggen- und Zahlenbilder, Frank Stellas "Die Fahne hoch!" und Anselm Kiefers bleiernes Flugzeug - all diese Kunstwerke sind im Werk Elaine Sturtevant wieder zu entdecken. Mit einzigartiger Konsequenz und Radikalität verfolgt Elaine Sturtevant ihre konzeptuelle Strategie der Nachahmung. Ab 1964 entschließt sie sich, Werke ihrer Künstlerkollegen zu wiederholen, erweitert damit die gegenwärtigen Ansichten von Ästhetik und erreicht durch die Doppelung des Vorhandenen eine überraschende Wirkung, die die Frage nach der Autorenschaft, der Schöpferrolle des Künstlers, geistigem Eigentum, Authentizität und der Disposition von Original und Originalität in den Mittelpunkt rückt. Ihre künstlerische Weitsichtigkeit offenbarend, wählte sie meist sehr zeitnah zum originalen Werk, heutige "Ikonen" der jüngeren Kunstgeschichte aus, was ihrer Arbeit fast schon eine verkündende Prägung gibt. Die Differenzen zum Ursprungswerk sind nicht gleich augenscheinlich, doch zu erkennen. Es wird nicht bloß reproduziert, Sturtevant wiederholt, denkt weiter und empfindet nach, so wie sie sich beispielsweise in die Rolle Joseph Beuys‘ verwandelt. Identifizierbar ist Beuys durch seine ihm eigene Ikonographie, die er in den sechziger Jahren mit Hut, Anglerweste, Umhängetasche, Jeans und Fellstiefel ausgebildet hatte. Sturtevant inszeniert den Auftritt des Kunstrevolutionärs 1988 neu, indem sie sich in denselben Beigaben zeigt und das emphatische Vorwärts in Richtung auf das Publikum vorführt.

Die Künstlerin grenzt sich selbst ausdrücklich von der Appropriation Art ab, sie zollt keinem Künstler bloßes Tribut oder kopiert ihn, sonder hinterfragt eher die Macht und Autonomie von Originalen und der Dominanz von Kunst und des Künstlers. Es wird deutlich, dass es die Künstlerin bei allem Spaß an der intellektuellen Verwirrung sehr ernst mit ihrer Kunst meint, die mit einer Pause in den 70er Jahren seit über 40 Jahren das ungewiss macht, was uns über Original und Autorenschaft für gewiss schien. Damit polarisiert sie sowohl die Meinung des Betrachters, als auch des Kunstkritikers, sie fasst in ihrem Werk Fragen zusammen, mit denen man sich seit Beginn der Moderne auseinander setzt. In einer Zeit, in der Innovation an erster Stelle steht, bewegen sich die Reprisen Sturtevants in einem Grenzgebiet - und sind damit beispiellos in ihrem Konzept.