Verein der Freunde der Nationalgalerie Stiftung des Vereins der Freunde der Nationalgalerie für zeitgenössische Kunst

#78 Michael Kunze
Tag der geschlossenen Tür / Patusan, 2012

Öl auf Leinwand
240 x 205 cm

Michael Kunze
Geboren 1961 in München
Lebt und arbeitet in Berlin

Michael Kunze (geb. 1961 in München) kreiert in seiner Malerei Metawelten auf der Basis von vielschichtigen Bezügen aus Philosophie, Film, Literatur, Kunst- und Kulturgeschichte. Die utopisch wirkenden Szenerien erinnern formal einerseits an eine künstlerische Sprache vergangener Epochen, wie die der Renaissance oder avantgardistischer Strömungen der klassischen Moderne. Gleichzeitig zitieren die apokalyptischen Landschaften und architektonischen Collagen in Michael Kunzes Bildern auch eine sehr zeitgenössische, futuristisch wirkende Cyber-Ästhetik virtueller Computerspiel-Kulissen. Kunze, der vor seinem Studium an der Münchener Kunstakademie Musikwissenschaft und Kunstgeschichte studiert hat, wirft mit seinen Arbeiten einen überprüfenden Blick auf die Paradigmen der Moderne und der proklamierten Alleinstellungsmerkmale, für die die künstlerische Produktion in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts steht.

So auch in der Arbeit „Tag der geschlossenen Tür - Patusan“ von 2012, für die der 1900 entstandene Roman „Lord Jim“ von Joseph Conrad eine klare interdisziplinäre Referenz darstellt. Conrad erzählt hier die Geschichte des Antihelden Lord Jim, der als Matrose während eines Schiffbruchs beschließt, mit dem Kapitän sein eigenes Leben zu retten, anstatt dem Rest der Besatzung Hilfe zu leisten. Die beiden Schiffbrüchigen stranden an der Küste der fiktiven Insel Patusan im Ostindischen Raum, auf der Lord Jim schließlich, trotz intensiver Bemühungen von der eingeborenen Bevölkerung aufgenommen zu werden, von dieser umgebracht wird. Das moralische Dilemma des Individuums in einer modernen Gesellschaft und der blinde Fleck der europäischen Kolonialgeschichte, werden in dieser labyrinthischen Erzählung kritisch hinterfragt.

Michael Kunzes Gemälde kann als Interpretation dieses Geschehens gelesen werden und greift verschiedene Motive und Symbole aus Conrads Roman auf. Die drei Figuren, die Kunze um einen Tisch sitzend, auf einem bühnenartigen Konstrukt vor blauem Hintergrund drapiert hat, sind bis zur Gesichtslosigkeit fragmentiert und bleiben für den Betrachter so auch völlig anonym. Die Dekor-artigen Stühle und der Anzug einer der Figuren stehen als klare Indizien für einen westlich-zivilisierte Bildsprache und bilden einen starken Kontrast zu dem rauen, archaisch wirkenden architektonischen Konstrukt, das völlig aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Diese tempelartige geometrische Abstraktion, ein immer wiederkehrendes Motiv in Kunzes Kompositionen, ist ein klarer Bruch mit dem verspielten Inventar, auf dem ein blauer Pfau thront und in Richtung der Sitzgruppe blickt. Der Pfau steht symbolisch nicht nur für einen der ersten Ziehvögel der Menschheit und repräsentiert die Arroganz unter den Tieren, sondern gilt in Indien auch als heiliger Vogel und schmückte im 20. Jahrhundert die britische Kolonialflagge Burmas.

Michael Kunze gelingt in seinen Bildern eine sehr intelligente und tiefgründige Kritik an den scheinbar unwidersprüchlichen Grundfesten des Kanons der Malerei der Moderne. In einer nahezu virtuos wirkenden altmeisterlichen Maltechnik skizziert er auf hoch visionäre Weise Szenarien einer möglichen Zukunft zwischen den Welten und reflektiert dabei sein eigenes, gegenwärtiges Wirkungsfeld. Seine Arbeiten lassen viele Fragen offen im Raum stehen und proklamieren damit die Unmöglichkeit des Abgeschlossenen.