Verein der Freunde der Nationalgalerie Stiftung des Vereins der Freunde der Nationalgalerie für zeitgenössische Kunst

#24 Raimund Kummer
Skulptur in der Straße, 1978-1979

Lichtbildskulptur (80 Kleinbild-Diapositive)

Raimund Kummer
Geboren 1954 in Mengeringhausen/Waldeck
Lebt und arbeitet in Berlin

In jedem Ort liegt das Potential, ein Ort der Kunst zu sein. Sinngemäß ist das die Behauptung, vor deren Hintergrund Raimund Kummers Arbeiten "Skulptur in der Straße" entstanden. Kummer, der in den 70er Jahren an der Hochschule der Künste in Berlin Malerei studiert hatte, trennte sich von dieser im Frühjahr 1979 und legte seiner Kunst zwei neue Prinzipien zu Grunde: "Nie wieder ein Tafelbild malen!" und "Situationen auf der Straße können Skulpturen sein"¹. In der Folge entstanden innerhalb weniger Monate mehr als 500 Diapositive, die er auf seinen Wegen durch Kreuzberg und weitere im Bau befindliche Bezirke Berlins aufnahm. Er fotografierte Baustellen, Absperrungen, halb abgerissene Häuser, Baumaterial und -geräte, Schilder und vieles mehr. Auf diesen Touren durch Berlin reifte Kummers Blick für die künstlerische Qualität bestimmter, zufälliger Arrangements auf der Straße.

Mit der Zielsetzung, aus alltäglichen Orten Orte der Kunst zu machen, schlug Raimund Kummer eine Richtung ein, die zu der damaligen Zeit in Berlin viel diskutiert war und für die sich die Stadtlandschaft Berlins hervorragend eignete.

Bei dieser Einordnung von scheinbar belanglosen Gegenständen und Szenerien in den Bereich der Kunst ist es naheliegend, die Readymades Marcel Duchamps zu assoziieren. Duchamp jedoch legte mit seinen Readymades vor allem Wert darauf, den von ihm ausgewählten Gegenstand - wie z.B. den berühmten "Flaschentrockner" - außerhalb des üblichen Kontextes zu präsentieren, beispielsweise in einer Ausstellung, und damit Institutionskritik zu üben. Während es Duchamp also auf eine Kontextverschiebung ankam, lag Kummers Fokus auf der Setzung des Künstlers: er allein entscheidet, welche Szenerien der Stadt sich für Skulpturen eignen und welche nicht. Statt den Kontext zu verschieben, wird dieser zusätzlich thematisiert und lässt einen neuen Blick auf den Begriff der Skulptur zu. So entwickeln sich bei der Betrachtung der Werke zwangsläufig Fragen der Sinn- und Zweckmäßigkeit der aufgenommenen "Skulpturen".

¹ Zitate aus Schwarz, Michael: "Raimund Kummer - Vor Ort", Bonn 2006, S. 24.