Verein der Freunde der Nationalgalerie Stiftung des Vereins der Freunde der Nationalgalerie für zeitgenössische Kunst

#39 The Atlas Group/Walid Raad
The Fakhouri File: Miraculous Beginnings 2000/No Illness Is Neither Here Nor There, 1999

2 Super-8-Filme, je 1:43 Min.

#38 The Atlas Group/Walid Raad
The Fakhouri File: Civilizationally, We Do Not Dig Holes To Bury Ourselves, 1959-2002

24 gerahmte Digitalprints, je 28 x 21,5 cm

#37 The Atlas Group/Walid Raad
The Fakhouri File: Already Been in a Lake of Fire, 1999-2002

9 gerahmte Digitalprints, je 30 x 42 cm

#36 The Atlas Group/Walid Raad
The Fakhouri File: Missing Lebanese Wars, 1996-2002

21 gerahmte Digitalprints, je 33 x 25 cm

The Atlas Group/Walid Raad
Walid Raad
Geboren 1967 in Chbanie, Libanon
Lebt und arbeitet in New York, USA

16 Jahre dauerte jene Phase des Bürgerkriegs im Libanon, dem sich Walid Raad in seiner Arbeit widmet. Der libanesische Künstler arbeitet hauptsächlich konzeptuell und hat zur Erforschung dieses Zeitraums der libanesischen Geschichte die »Atlas Group« gegründet. Über diese sagt Raad selbst: »Die Atlas Group ist eine 1999 gegründete, imaginäre Stiftung mit Sitz in New York und Beirut, deren Zweck darin besteht, Dokumente über die libanesischen Bürgerkriege (1975–1991) zu sammeln, zu erzeugen und zu archivieren«¹. Der »Fakhouri File« beinhaltet mehrere Fotografien, reproduzierte Notizbücher und zwei Super-8-Filme. Benannt ist er nach dem (fiktiven) libanesischen Historiker Dr. Fadl Fakhouri, dessen Dokumentation des Bürgerkriegs er fasst. Durch die imaginäre »Atlas Group« und die erdachte Gestalt des Dr. Fakhouri macht Walid Raad deutlich, worum es ihm geht: Die Wandlung der Auffassung von »Wahrheit« ist es, die Raad damit betont, nicht die tatsächliche Realität. »Already been in a lake of fire« beispielsweise stellt das Leben der Libanesen mit dem Bürgerkrieg auf sehr subtile Weise dar: In diesem Notizbuch finden sich 145 Abbildungen von Autos. Die ausgeschnittenen Fotos stimmen in Marke, Modell und Farbe exakt mit Autos überein, die in den Jahren 1975–1991 im Libanon für Autobomben benutzt wurden. Ort, Zeit und Datum der Explosion sowie die Anzahl der Opfer, das Ausmaß der Zerstörung, die Motor- und Fahrgestellnummer des Autos und Gewicht und Art des verwendeten Sprengstoffes sind in arabischer Sprache detailliert neben jeder Abbildung festgehalten. Die genaue Dokumentation dieser Anschläge stellt eine sehr reale Facette des Bürgerkriegs dar: Allgegenwärtig ist die Angst vor der Gewalt, die von einem gewöhnlich erscheinenden Auto ausgehen kann. Auch hier lässt sich sehen: Für Walid Raad stehen weniger historische Tatsachen und lexikalisches Wissen im Vordergrund. Die Herausforderung, bewusst zu denken, und die Subjektivität der Wahrheit scheint er dahingegen unterstreichen zu wollen.

¹ Lepecki, André: »Im Nebel der Ereignisse: Performance und die Aktivierung der Erinnerung im Archiv der Atlas Group«, in: »The Atlas Group (1989–2004). A Project by Walid Raad«, Berlin/Köln 2006, S. 33 f.